placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder

Die Renaissance des Landlebens

Gegentrend zur Urbanisierung: Der ländliche Raum gewinnt an Attraktivität. 7 Prozent aller Menschen, die derzeit in Städten oder Vorstädten wohnen, wollen in fünf Jahren auf dem Land leben, schätzt die internationale Managementberatung Bain & Company. (Foto: Fotolia)

25. August 2016 | von Walter Sinn

Metropolitan Logistic wird unterstützt vom Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB).

www.dstgb.de

Die Serie Metropolitan Logistic der DVZ stellt Trends und Entwicklungen vor, die künftig die Versorgungskonzepte der Ballungsräume verändern werden.

www.metropolitanlogistic.de

Von Walter Sinn, Deutschlandchef von Bain & Company

Drohnen liefern Pakete auf dem letzten Kilometer aus, selbstfahrende LKW bewegen große Ladungen, selbststeuernde PKW befördern Zeitung lesende Menschen. 3-D-Drucker produzieren dezentral Waren, Roboter übernehmen zahlreiche Dienstleistungen und ein flächendeckendes Hochgeschwindigkeitsinternet ermöglicht es, überall auf Daten und Informationen zuzugreifen und sie auszutauschen.

Diese und weitere Innovationen beflügeln die Fantasie. Denn in ihrem Zusammenspiel werden Digitalisierung und Automatisierung fundamentale Umwälzungen auslösen – und das womöglich früher, als wir es uns heute vorstellen können. In der Folge wird sich dramatisch verändern, wie Menschen in Zukunft leben und arbeiten. Der Wandel wird gewaltiger sein als alles, was die globale Gesellschaft in den vergangenen 100 Jahren erlebt hat.

Trend geht hin zur posturbanen Gesellschaft
Fast alle relevanten technologischen Megatrends der Vergangenheit haben dazu beigetragen, dass sich die Menschheit effizient in Ballungsräumen organisiert hat. Die aktuellen Innovationen werden erstmals wieder den Weg in die umgekehrte Richtung frei machen. Gerade die Mittelschicht will und kann nicht mehr in den überfüllten, gleichwohl überteuerten Megacitys leben. Noch geht es nicht anders, denn dort sind die Jobs. Doch 7 Prozent aller Menschen, die derzeit in Städten oder Vorstädten wohnen, wollen in fünf Jahren auf dem Land leben.

Bereits seit der Jahrtausendwende verzeichnen vor allem südeuropäische Ballungszentren in Spanien, Italien und Griechenland erhebliche Bevölkerungsverluste. Ähnliches ist in den USA zu beobachten: In den letzten zehn Jahren sind 8 Prozent der Innenstadtbewohner weggezogen. Hält der Trend an, könnte in der klassischen Pendlernation schon im Jahr 2025 die Landbevölkerung überwiegen. Dafür sprechen nicht zuletzt die 37 Prozent der Berufstätigen, die in den USA mittlerweile auch von zu Hause aus arbeiten. 1995 waren es gerade einmal 9 Prozent. Internet und Videokonferenzen machen es möglich. In Deutschland sehen die Prognosen bislang noch ein weiteres Anwachsen der Ballungsräume vor. Doch auch hierzulande werden einzelne sozioökonomischen Gruppen die Chance wahrnehmen, aufs Land zu ziehen.

Vorstädte verlieren an Strahlkraft
In 20 Jahren wird das bevölkerungsgeografische Muster ein anderes sein. Kleinere Zentren, nah an der Natur und eine Stunde von der nächstgrößeren Stadt entfernt, gewinnen an Attraktivität. Zugleich verlieren Vorstädte an Strahlkraft. Die Ballungszentren ziehen zwar weiterhin jüngere und wohlhabende Teile der Bevölkerung an. Aber zahlreiche Fachleute, Talente und „Kopfarbeiter“ werden einen Lifestyle in kleinformatigeren Strukturen bevorzugen. Entsprechend ist das Pendeln und Arbeiten in großen Büro- und Fabrikkomplexen dann nicht mehr die prägende Lebensform. Das erweiterte Einzugsgebiet der großen Städte und Menschen, die weniger dicht besiedelte Regionen vorziehen, werden die Gewinner der Wanderbewegungen sein.

Logistik spielt eine Schlüsselrolle
Auch wenn sich die Vision neuer Lebens- und Arbeitsformen erst durch die Kombination und das Ineinandergreifen vielfältiger technologischer Trends ergibt – veränderte logistische Prozesse spielen eine Schlüsselrolle. Entfernungskosten werden drastisch sinken, gleichzeitig werden weltweit etablierte industrielle Herstellungs- und Lieferketten zerschlagen. Damit ist die Logistik ein wesentlicher Wegbereiter der neuen sozialen und ökonomischen Szenarien.

Verschiedene, eng mit der Logistik verbundene Transformationsprozesse zeichnen sich ab. Im Einzelnen zählen dazu:

1. Der Einsatz von Drohnen

Lieferdrohnen werden die Verteilung von Gütern revolutionieren. Staus, Feinstaubbelastung und für den Verkehr gesperrte Innenstädte hemmen erheblich die Produktivität des letzten Kilometers. Durch den Einsatz der Flugroboter werden die Zustellkosten um 75 bis 80 Prozent sinken. Noch sind diese Geräte nicht zugelassen. Doch die Google-Mutter Alphabet, der Onlineriese Amazon und viele Postunternehmen arbeiten intensiv an der Technik und sehnen regulatorische Lösungen für Flugkorridore herbei, um mit dem Drohnenverkehr starten zu können.

2. Der Ersatz von Arbeitskräften durch Roboter

Die Robotik wird in den nächsten Jahren auch Hotels, Gaststätten, Altenpflege oder Bekleidungsgeschäfte erfassen – und damit ganz neue Branchen. Teile der Wertschöpfung in diesen und weiteren Segmenten erledigen in Zukunft Roboter. Die Spielregeln traditioneller, oft in Städten angesiedelter Wirtschaftszweige werden neu definiert, weil die Kosten durch Robotertechnik sinken. Wir werden uns daran gewöhnen, dass kostengünstige Hotels oder Restaurants weitgehend ohne Personal auskommen. Der Effekt: Künftig genügen einem Restaurant rund 30 Prozent weniger Haushalte in der Umgebung, um profitabel zu sein. Bekleidungsgeschäfte können in einer automatisierten Welt sogar mit 40 Prozent weniger Haushalten kalkulieren. Damit werden sie auch weiter entfernt von Großstädten wieder wirtschaftlich sein.

3. Der Einzug von 3-D-Druckern

Mit 3-D-Drucktechnik lassen sich in naher Zukunft viele Produkte und Ersatzteile herstellen. An zahlreichen Standorten auch außerhalb von Ballungszentren werden 3-D-Druckzentren entstehen – mit noch kaum vorstellbaren Auswirkungen auf Beschaffungs- und Distributionslogistik. Je nach Warengruppe werden sich ganz neue Supply Chains entwickeln. Dieser Trend hat massive Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft. Schwellenländer, die auf die Produktion von Massenware setzen, werden die Verlierer sein. Denn ein Teil der Produkte wird dann wieder dort hergestellt, wo die Kunden leben. Und damit fällt auch eine Vielzahl logistischer Bewegungen weg.

Was in den nächsten zwei Jahrzehnten auf Unternehmenslenker zukommt, ist historisch unvergleichbar. Vielerorts hat die Zukunft bereits begonnen. Doch die Transformation wird sich noch deutlich beschleunigen. Geringere Entfernungskosten durch logistische Innovationen werden die Unternehmen zu tief greifenden Anpassungen ihrer Geschäftsmodelle zwingen. Gut, wer sich frühzeitig damit auseinandersetzt. Unternehmen, die die Zukunft mitgestalten wollen, müssen ihre digitalen Fähigkeiten weit über Plattformen hinaus entwickeln und eine Unternehmenskultur mit einem möglichst hohen digitalen IQ schaffen. (cs)

placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder

Schreiben Sie uns Ihren Kommentar!

Kommentar online veröffentlichen
Kommentar nur an die Redaktion senden
Online verfasste Kommentare können auch als Leserbriefe in der Printausgabe der DVZ veröffentlicht werden. Mit dem Absenden des Kommentars stimmt der Nutzer dieser Veröffentlichung ausdrücklich zu.

* Pflichtfeld