placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder

Briten sind heiß auf E-Food

(Foto: iStock)

13. Februar 2017 | von Claudia Wanner
Empfehlung

Alltag in Großbritannien: Mitten in Manchester genau wie im ländlichen Dorset kaufen mehr und mehr Menschen ihre Lebensmittel online und lassen sie nach Hause liefern. Haltbare Waren wie Nudeln oder Mehl gehören ebenso zum Angebot wie frisches Fleisch, Obst oder Milch. Die Lieferzeiten fallen in eng definierte Zeitfenster von einer oder zwei Stunden, zwischen 6 Uhr morgens und 23 Uhr abends, auch am Samstag oder Sonntag.

Großbritannien gilt unter den westlichen Industrienationen als reifster Markt im Onlinehandel mit Gütern des täglichen Bedarfs. Auf 6,9 Prozent taxiert die Beratungsfirma Kantar Worldpanel den Anteil am Lebensmittelumsatz (Stand Sommer 2016). Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Wert bei etwa 1,3 Prozent. Den Erfolg erklärt Pierre Mercier, Handelslogistikexperte bei Boston Consulting in London, mit der Einkaufskultur: „Die Briten kaufen ohnehin viel im Supermarkt, auch abgepackte Frischware. Spezialisierte Lebensmittelhändler oder Wochenmärkte sind vergleichsweise selten. Das führt zu größeren Einkäufen, was die Hürde für profitable Interneteinkäufe senkt.“ Händler haben jeweils eigene Liefernetze eingerichtet. Anderswo, zum Beispiel in Frankreich und in den USA, kommen Kunden eher mit dem Auto zum Supermarkt, um die online bestellten Waren abzuholen.

Zeichen stehen auf Wachstum
„Bis 2020 dürften 10 Prozent aller Lebensmitteleinkäufe in Großbritannien online erledigt werden“, schätzt Mercier. Zwar sei das jährliche Wachstum, das in den vergangenen Jahren bei gut 10 Prozent lag, leicht rückläufig. Das liege aber vor allem am Basiseffekt, innovative Früheinsteiger seien längst online. Doch er rechnet mit einem anhaltenden Wachstum von 7 Prozent. „Etwa ein Viertel aller [britischen] Haushalte haben im vergangenen Jahr Lebensmittel online gekauft“, sagt Kantar-Experte Ed Nash. Eine ausschließliche Entscheidung sei das indes meist nicht. Tatsächlich entfallen rund drei Viertel der Ausgaben nach wie vor auf den stationären Markt.

Aldi und Lidl halten sich zurück
Alle großen Supermarktketten bieten Onlineshops: vom Marktführer Tesco über Sainsbury’s, Co-op (Co-operative ) und Waitrose bis zu Asda. Nicht dabei sind bisher lediglich die deutschen Discounter Aldi und Lidl, die in der Vergangenheit unaufhörlich Marktanteile gewonnen haben. Aldi, die neue Nummer 5 im Markt, experimentiert mit der Lieferung nicht verderblicher Produkte wie Wein und Aktionsware. Eine Sonderrolle spielt Morrisons. Die viertgrößte Kette kooperiert zusätzlich zum eigenen Liefernetz sowohl mit Ocado, einer reinen Online-Plattform, und Amazon.

Waitrose beispielsweise bietet eine Lieferung erst ab einem Warenkorb im Wert von 60 GBP an, ab 40 GBP ist die Abholung in einer Filiale möglich. Für die Lieferung fallen keine weiteren Kosten an. Tescos Mindestvolumen liegt bei 40 GBP, wer weniger einkauft, zahlt 4 GBP extra. Die Lieferkosten variieren je nach Uhrzeit und Flexibilität. Alternativ bietet ein Abo die Möglichkeit, statt für die jeweilige Lieferung eine Jahresgebühr von 60 GBP zu zahlen.

Meist eigene Verteilnetze
Gemeinsam ist den Anbietern die größtenteils hauseigene Logistik. „Das dürfte daran liegen, dass sie jeweils klein angefangen haben. Bestellungen wurden anfangs im Supermarkt von den Mitarbeitern zusammengestellt“, sagt Mercier. Inzwischen betreiben die Supermarktketten längst auf das Online-Geschäft zugeschnittene Lager.

Dem kräftigen Wachstum ist eine weitreichende Automatisierung geschuldet, die nach Überzeugung von Branchenexperten weiter anhalten wird. In Ocados kürzlich eröffnetem Logistikzentrum in Andover westlich von London sind etwa 1000 Roboter unterwegs. Über 30 km Förderbänder und ein 4G-Kommunikationsnetz helfen bei der Zusammenstellung der Aufträge. Alles drehe sich darum, immer noch ein wenig schneller zu werden, sagt Ocados Technikvorstand Paul Clarke.

Geschwindigkeit ist noch wichtiger geworden, seit der Einstieg von Amazon ins Lebensmittelgeschäft im Sommer die Branche weiter aufgerüttelt hat. Seit Juni bietet der US-Konzern seinen Prime-Kunden, die für diesen Service eine Jahresgebühr von 79 GBP zahlen, in großen Teilen Londons sowie in der Grafschaft Hertfordshire bei Bestellung bis 13 Uhr eine Lieferung noch am gleichen Nachmittag. Gegen eine zusätzliche Gebühr von 6,99 GBP ist seit November in diesen Gebieten auch eine Lieferung binnen einer Stunde möglich. Über Amazons bisherige Erfahrungen ist noch nichts bekannt, doch Beobachter sind sich sicher, dass der Online-Riese einen langen Atem beweisen wird.

Gewinnschwelle überschritten
Angesichts eines noch geringen Marktanteils dürfte es aber eine Weile dauern, bevor Amazon mit dem Angebot Gewinn macht. Die Mehrzahl der einheimischen Anbieter hat diese Schwelle überschritten. Ocado, 2000 gegründet, brauchte bis 2014, um den ersten Jahresgewinn zu schreiben, ist seither aber profitabel. „Allen Anbietern ist klar, dass sie ohne die Online-Option weniger Geld verdienen würden“, sagt Mercier. „Zwar bietet der stationäre Handel die besseren Margen, aber unter dem Strich bleibt auch beim Online-Verkauf ein Gewinn.“ Die Erfahrungen würden zeigen, dass die Kunden wenig loyal seien und rasch zu einem Wettbewerber wechseln würden, wenn das Angebot nicht zweckmäßig und bequem sei.

Jetzt geht es darum, neue Kunden zu gewinnen. Bisher zählen Familien aus der Mittelschicht zu den typischen Nutzern. Ihr wöchentlicher Großeinkauf im Supermarkt wurde durch die Lieferung ersetzt. Noch vor Amazon hat Sainsbury’s im September Kunden ein Angebot für die Lieferung von Lebensmitteln binnen einer Stunde offeriert. Für 4,99 GBP erlaubt die App „Chop chop“ im Südwesten Londons eine Lieferung von bis zu 20 Produkten durch Fahrradkuriere. Solche Angebote richten sich eher an kleinere Haushalte. (cs)

placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder placeholder
Deutschlands größte
Suchmaschine für
Transport und Logistik
Spediteur Adressbuch Online
Leistungen
Firmendaten

Schreiben Sie uns Ihren Kommentar!

Kommentar online veröffentlichen
Kommentar nur an die Redaktion senden
Online verfasste Kommentare können auch als Leserbriefe in der Printausgabe der DVZ veröffentlicht werden. Mit dem Absenden des Kommentars stimmt der Nutzer dieser Veröffentlichung ausdrücklich zu.

* Pflichtfeld