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Blizzard in Deutschland

28. Januar 2016 | von Claudius Semmann

Erarbeitete Modelle

  • Güterflussmodell: Wie wirken sich Störungen im Lebensmittelsektor räumlich und zeitlich auf die Versorgung aus?
  • Bestandsmodell: Wie sind die Bestände der verschiedenen Warengruppen im Lebensmittelhandel räumlich über Deutschland verteilt?
  • Industriestrukturmodell: Wie wirken sich Veränderungen in der Supply-Chain-Struktur auf die Güterverkehrsnachfrage aus?
  • Simulationsmodell zur Tourenplanung: Welche Maßnahmen kann ein Logistiker des Lebensmittelhandels im Falle einer Hitzewelle ergreifen, um die Filialbelieferung während der Öffnungszeiten zu gewährleisten?
  • Verteiltourenmodell: Wie viel zusätzliche Transportkapazitäten benötigt der Lebensmittelhandel im Falle einer Infrastrukturbeschädigung?
  • Arbeitskräfteallokationsmodell: Welche Filialen sind bei einem Arbeitskräfteausfall zu öffnen oder zu schließen?

www.seak-projekt.de

Wichtige Bestandteile der Transportinfrastruktur wie Straßen, Brücken und Häfen fallen aus. Das öffentliche Leben steht still. Ganze Stadtteile sind nahezu von der Außenwelt abgeschnitten. Dieses Szenario gibt es in Nordamerika häufiger. Gerade erst legte ein Schneesturm die US-Ostküste lahm. Kurz nach der Ankündigung des Blizzards „Jonas“ bildeten sich in New Yorks Supermärkten lange Schlangen. Millionen von Menschen deckten sich mit Vorräten ein. Die Regale waren schnell leer, grundlegende Lebensmittel ausverkauft.

Nun sind Wetterlagen, die einen Blizzard verursachen können, in Mitteleuropa höchst selten. Doch was wäre, wenn zumindest etwas Vergleichbares in Deutschland passieren würde? Wie widerstandsfähig sind die Lebensmittellieferketten bei Ereignissen wie Streiks, Epidemien, Bränden, Hochwasser, Strom- und/oder IT-Ausfällen oder im Falle einer Hitzewelle? Und welche Modelle und Informationen können das Risikomanagement unterstützen? Das haben Wissenschaftler im Projekt „Simulationsbasierte Entscheidungsunterstützung für Akteurs-übergreifendes Krisenmanagement“ (Seak) erforscht, an dem Logistikexperten der TU Darmstadt, der Kühne Logistics University (KLU) sowie der Beratung 4flow maßgeblich beteiligt waren.

Eine Frage der Zuständigkeit

Die Forscher haben Interviews bei 30 Unternehmen der Lebensmittelwarenkette geführt. Eine Erkenntnis: Die Unternehmen betreiben durchaus ein Risikomanagement, allerdings auf ihre Perspektive begrenzt. Sie sind zudem eher auf vorhersehbare Ereignisse vorbereitet, nicht aber auf die sehr seltenen Extremfälle. Hier sei zu beobachten, dass die Unternehmen die Zuständigkeit eher den staatlichen Stellen zuschieben. Es gebe derzeit eine große Diskussion darüber, inwieweit dieses Verhalten richtig oder falsch ist und Unternehmen künftig eventuell einzubinden sind, sagt Prof. Hanno Friedrich von der KLU. „Heute optimieren die Unternehmen eben nicht die Lebensmittelversorgung, sondern ihren Unternehmenserfolg.“ So könne allerdings eine Lücke der Verantwortung zwischen Staat und Unternehmen entstehen.

Ein Gutachten des Forschungszentrums Katastrophenrecht kommt zu dem Schluss, dass Unternehmen nicht dazu verpflichtet sind, die Versorgung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Und: Nach Vertragsrecht verfällt die Leistungspflicht bei unverschuldeter Nichterfüllbarkeit. Der Logistikdienstleister muss im Extremfall also nicht liefern.

Außerdem sind Versorgungskrisen und Katastrophenfälle von Engpässen abzugrenzen, wobei sich Letztere zur Krise entwickeln können. Doch auch in der Krise werde es keine dritte Kraft geben, die in der Lage ist, massenhaft Lebensmittel zu verteilen, sagt Friedrich und fügt hinzu: „Auch dann müssten sich die Bürger auf das bestehende Logistiksystem der Händler und Dienstleister verlassen.“

Doch wie gut sind die Unternehmen – Hersteller, Händler und Logistiker – eigentlich auf Engpässe vorbereitet? Positiv sei zu nennen, dass die Logistikdienstleister gut auf Unvorhersehbares eingestellt sind. Sie seien grundsätzlich sehr flexibel. Zudem gebe es eine hohe Redundanz durch viele unterschiedliche logistische Netze. Und: Es seien Kapazitätsreserven in Lagern und Produktionsstätten vorhanden.

Als negativ bewerten die Experten den hohen Automatisierungsgrad, die Zentralisierung von Verarbeitern sowie die hohe IT-Abhängigkeit. Zudem konzentrierten sich die Bestände zunehmend am Anfang der Warenkette, also weniger bei den (Groß-)Verbrauchern und Filialen. Dadurch werde die Kette anfällig für Engpässe. Hinzu komme bei plötzlich hoher Nachfrage wahrscheinlich eine Knappheit bei den Transportkapazitäten, speziell was Kühl- und Tiefkühlfahrzeuge betrifft. Und auch der Fahrermangel könnte hier künftig ein Problem werden.

Kennzahlen auf Landkreisebene

Die Seak-Beteiligten haben eine große Menge an Daten gesammelt und kombiniert. Daraus entstanden ist eine interaktive Datenbank, die bis auf Landkreisebene herunterreicht. Ein Ampelsystem zeigt dabei an, wo sich mögliche Engpässe für bestimmte Warengruppen ergeben können. Die Experten verfügen zudem über Daten zu Logistikstandorten und können die Filialstruktur pro Kreis sowie die Marktanteile der Händler liefern, woraus sich Informationen zu Abhängigkeiten ableiten lassen. Schließlich wurden Lieferbeziehungen ermittelt, um abzuschätzen, woher die Lebensmittel kommen.

Damit lassen sich nach Angaben der Projektpartner die Warenströme im Lebensmittelbereich erstmals transparent darstellen. Auf Basis der Vielzahl an Daten haben die Forscher zudem Modelle zur Entscheidungsunterstützung in Engpasssituationen entwickelt (siehe Kasten). Diese ermöglichen Analysen der vielfältigen Ursachen und Konsequenzen von Versorgungsengpässen. Unternehmen könnten die Ansätze künftig für Fragestellungen der Netzwerkplanung, des Risikomanagements oder der Marktanalyse verwenden.

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