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Spaghetti-Logistik für Metropolen

Ein Kurier von Food Express bei der Auslieferung in Berlin. (Foto: MY Lorry)

21. Mai 2015 | von Stephanie Lützen

Jung und ideenreich

Max von Waldenfels hat nach seinem juristischen Studium in Bayreuth und München zunächst in mittelständischen Unternehmen gearbeitet, bevor er für zwei Jahre ins politische Berlin eintauchte. Anschließend war er für verschiedene Unternehmen als Berater für Start-ups und größere Venture-Capital-Gesellschaften in London tätig. Zusammen mit Benjamin Pochhammer gründete der 35jährige My Lorry. Er ist für die Unternehmens- und Produkt­entwicklung zuständig. (sl)

Die Autorin

Stephanie Lützen
Fachjournalistin, Berlin

Die Deutschen lieben es, sich Essen nach Hause zu bestellen. Viele Restaurants haben sich darauf eingestellt und betreiben neben der Bewirtung in der Gaststätte einen Lieferservice. „Wir gehen davon aus, dass es in Deutschland täglich 10 bis 15 Mio. Essenslieferungen von Restaurants nach Hause gibt", sagt Max von Waldenfels, der aus dem Nebenbeigeschäft der Gaststätten ein eigenes Geschäftsmodell entwickelt hat. Im August 2014 startete der geschäftsführende Gesellschafter mit dem Berliner Start-up-Unternehmen My Lorry mit einer eigenen Lieferstruktur unter der Marke Food Express. In den ersten drei Monaten wickelte der Dienstleister bereits 40 000 Lieferungen ab. Mittlerweile 95 Prozent des Umsatzes generiert von Waldenfels im Lebensmittelsegment. Künftig will er sich komplett auf dieses Geschäftsfeld konzentrieren.

400 neue Jobs im Schichtbetrieb 

Das ursprüngliche Geschäftsmodell, das einen Zustellservice am gleichen Tag für verschiedene Branchen vorsah, hat das junge Unternehmen zum 30.4.2015 eingestellt. My Lorry war 2013 mit einer IT-Plattform für selbstständige Kuriere gestartet, die zuletzt in 13 Städten in Deutschland Aufträge fuhren. Zu den Großkunden zählten unter anderem die Baumarktketten Hellweg und Toom. Im Unterschied zum bisherigen Logistikkonzept arbeitet von Waldenfels bei der Essens­auslieferung nun mit fest angestellten Fahrern. „Die Zusicherung, zur Zubereitungszeit garantiert im Restaurant zu sein, kann mit selbstständig arbeitenden Kurieren nicht gewährleistet werden", begründet der Geschäftsführer den Schritt.

Bereits 400 Jobs im Schichtbetrieb seien mittlerweile entstanden. Bis Jahresende soll die Zahl auf 1200 Fahrer anwachsen, die bis jetzt mit ihrem eigenen Fahrrad, E-Bike, Roller oder PKW ausliefern. Ob My Lorry selbst eine Flotte von E-Bikes aufbaut, sei in der Diskussion, so von Waldenfels, der das Unternehmen gemeinsam mit Benjamin Pochhammer leitet.

Die Abwicklung erfolgt auf Basis des digitalen Systems von My Lorry: Das Restaurant beauftragt per Knopfdruck den nächstgelegenen Food-Express-Fahrer. „So können wir eine pünktliche Essensabholung und -auslieferung zu jeder Zeit garantieren. Spätestens 30 Minuten nach Bestellung ist das Essen beim Kunden", verspricht von Waldenfels für einen Lieferradius von 3 km. Für jeden weiteren Kilometer gibt es einen Zeitzuschlag von zehn Minuten. Die zeitlich machbare Grenze für eine warme Mahlzeit, die in Thermoboxen transportiert wird, liege bei sieben bis acht Kilometern. Die Lieferquote liege bei 99 Prozent und sei für das Restaurant transparent einsehbar.

Nach von Waldenfels’ Erfahrungen ist die Restaurant-Branche bereit, etwa 20 Prozent des Umsatzes für die Logistik auszugeben. An diesem Richtwert orientiert sich das ­Unternehmen bei der Preisgestaltung. Für den Lieferservice berechnet Food Express eine Gebühr zwischen 3,90 und 4,90 EUR pro Essen, gestaffelt nach der monatlich ausgelieferten Menge. Der durchschnittliche Bestellwert liegt laut von Waldenfels bei etwa 20 EUR.

Mittlerweile nutzen knapp 500 Restaurants in Berlin, München, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart und Köln den Service von Food Express. Noch in diesem Monat sollen Düsseldorf und die Region Nürnberg-Fürth-Erlangen angebunden werden. Bis zum Jahresende soll der Service von Waldenfels zufolge in 13 bis 14 deutschen Städten mit mehr als 400 000 Einwohnern verfügbar sein. Zwei ausländische Standorte in Europa seien im Gespräch, die er jedoch noch nicht näher benennen möchte.

Für die erforderliche Grundauslastung sorgte von Beginn an die Liefererviceplattform Lieferheld, über die der Verbraucher online Essen bestellen kann. Dort sind etwa 70 000 bis 80 000 Restaurants in 24 Ländern registriert. „Über die Kooperation mit Lieferheld erhalten wir etwa 30 Prozent unserer Aufträge, 70 Prozent kommen direkt von den Restaurants", sagt von Waldenfels. „Wöchentlich binden wir 30 bis 40 neue Restaurants an." Die Aufträge können die Gaststätten wahlweise über das Internet, telefonisch oder per Whats App übermitteln.

Ab 2016 in die Profitabilitätszone 

Das rasante Wachstum zieht Investi­tionen in nahezu allen Bereichen nach sich, angefangen bei der Fah­rer­flotte über Mitarbeiterschulung, Organisation bis hin zum Branding. Ermöglicht wurde dies auch durch eine Beteiligung von Delivery Hero, einem internationalen Ableger von Lieferheld, an My Lorry. Im Februar 2015 hat der Kooperationspartner für einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag 16 Prozent der Anteile des Berliner Zustellservice erworben. 2016 wollen die Eigner in die Profi­tabilitätszone eintreten.

Das Herzstück der Lieferstruktur ist ein gemeinsam mit der Technischen Universität Berlin entwickelter Router mit einem intelligenten Algorithmus. Mit diesem kann innerhalb von einer halben Sekunde bei bis zu 1000 Fahrern bestimmt werden, wer der effizienteste Food-Express-Fahrer für die jeweilige Tour ist. Der Auslieferer selbst wird per App zu seinen Stationen navigiert. Es macht Spaß, sich von diesem Onlinetool leiten zu lassen, weiß von Waldenfels aus eigener Erfahrung. Er hat mittlerweile über 100 Aufträge selbst ausgeliefert. Sein Ziel ist es, mit dem systematischen Ansatz den bestehenden, ineffizient aufgestellten Markt zu konsolidieren. Außerdem soll Restaurants, die bisher Kosten oder Aufwand gescheut haben, der Einstieg in den Außer-Haus-Service erleichtert werden.

Von Waldenfels ist überzeugt, dass die standardisierte Belieferung von Verbrauchern mit Supermarktartikeln inklusive Kühlware in den nächsten Jahren auch in Deutschland ankommen werde. Entsprechende Investitionen der Supermarktketten weisen in die Richtung. Ein weiterer Trend ist eine Just-in-time-Belieferung mit Rezeptzutaten für die passende Personenanzahl direkt an die Haustür.

Ein Bereich, den von Waldenfels für seinen Food Express mit Inte­resse verfolgt, ist die zunehmende Mittagsversorgung in den Büros. In diesem Segment sieht er einen Wachstumsmarkt, der gut in sein Geschäftsfeld passt. Für die eigene Mittagslogistik wird es vom nächsten Monat an eine neue Adresse geben. Das My-Lorry-Team hat mittlerweile 50 Büromitarbeiter und zieht um in ein angemietetes Gebäude in der Schönhauser Allee.

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