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Gute alte Zeit trifft Zukunft

Die Kaufmannsladen-Atmosphäre ist nur ein Teil der Geschäftsidee. Der andere Teil ist ein ausgefeilter Onlineservice. (Fotos: dpa)

08. September 2014 | von Axel Granzow

Frühstück per Mausklick

Der Onlineverkauf von Lebensmitteln gilt als Zukunftsmarkt. Noch erzielt die Branche weniger als ein Prozent des Umsatzes (175 Mrd. EUR) online. Experten von Ernst & Young prognostizieren jedoch "eine regelrechte Explosion der digital beeinflussten Lebensmittelkäufe". Das lockt Investoren, Supermarktketten und Versandhändler wie Amazon.

Hier lebt sie, die Atmosphäre eines alten Kaufmannsladens. Bei "Emmas Enkel" in Düsseldorf lagern Waren in Schubladen und Fächern, eine Retrokasse verströmt den Charme vergangener Zeiten. Da stört es kaum, dass hier auch Tiefkühltheke und Kühlschrank leise vor sich hin brummen. Kunden kommen und kaufen, trinken ihren Kaffee oder verzehren ihren Mittagsimbiss gleich hier im Lebensmittelladen.

Doch Benjamin Brüser und Sebastian Diehl, Gründer von "Emmas Enkel" und Geschäftsführer der Diehl & Brüser Handelskonzepte GmbH, wollten den Tante-Emma-Laden nicht einfach reanimieren. Sie wollten ihm in einer Kombination aus Lebensmittelmarkt, Bistro und Onlineshop neues Leben einhauchen.

Deshalb können Kunden ihren Einkauf auch online bestellen. Der virtuelle Warenkorb wird im Laden zu einem realen Paket, das sie abholen oder sich nach Hause liefern lassen können. Ende 2011, kurz nach Gründung, machten die Onlineumsätze etwa 5 Prozent aus. Inzwischen sei der Anteil auf 70 Prozent gestiegen.

Erfolg ruft nach mehr: Nach einem Laden in Essen geht nun in Berlin ein weiterer "Enkel" an den Start. Das Filialnetz soll künftig Stadt um Stadt ausgebaut werden. "Die Anfragen sind jedenfalls enorm", sagt Brüser. Doch will man behutsam wachsen. Neue Läden sollen mit Partnern betrieben werden, die sich in ihrer Stadt auskennen, aber weder Zeit noch Energie in den Aufbau eines Warensystems und den Webshop investieren wollen. "Jetzt gehen wir erst mal nach Berlin." Ein alteingesessener Lebensmittelhändler aus Charlottenburg will seinen 270 m2 großen Markt mit Hilfe von "Emmas Enkel" um Onlineangebote und Lieferservice erweitern.

Ein virtuelles Regal

Bislang betreiben die Gründer zwei Läden in Düsseldorf auf einer Fläche von 100 m2 und einen kleineren in Essen direkt vor den Toren der Konzernzentrale von Evonik Industries. Dort kann sich Brüser vorstellen, ein "virtuelles Regal" aufzustellen, dessen Angebot sich an die Tageszeit anpasst und das mit einer Abholstation für bestellte Waren kombiniert ist. Solch einen virtuellen Lebensmittelshop betreibt "Emmas Enkel" bereits in der Zentrale von Vodafone in Düsseldorf, in der täglich 5000 Mitarbeiter ihrer Arbeit nachgehen. Die Kunden scannen den QR-Code oder ein Bild der Ware per Smartphone und bezahlen auch auf diesem Weg. Ihre Bestellung lassen sie direkt nach Hause oder an eine Station im Unternehmen liefern. Bei Vodafone steht die Abholstation in der Kantine.

Kein Wunder, dass Brüser die Zukunft des Lebensmittelhandels in Multichannel-Konzepten sieht, also in der Kombination unterschiedlicher Handelsformate, möglichst gemeinsam mit einem Convenience-Angebot wie Café oder Bistro im stationären Laden. Lebensmittelhandel ist eine Frage des Vertrauens, davon ist er überzeugt. Ein stationärer Laden mit direkten Ansprechpartnern sei die Voraussetzung für aufbauende Onlineangebote. "Reinen Onlinehandel mit Lebensmitteln sehe ich sehr kritisch", erklärt Brüser. Lebensmittel bei Amazon hält er für gewöhnungsbedürftig und fragt: "Würden Sie bei einem Buchhändler Obst und Gemüse kaufen?"

Identische Preise auf allen Kanälen

"Unsere Preise liegen auf Supermarktniveau und sind auf allen Kanälen identisch", betont der Unternehmer. Für die Lieferung werden 4 EUR fällig. Ab 30 EUR Einkaufswert ist die Lieferung in Düsseldorf und Essen gratis. Wurden anfangs 2000 Artikel angeboten, sind es heute bereits über 4500.

Die Logistik managen die "Enkel" weitgehend selbst. In Düsseldorf verteilen zwei Lieferwagen und ein Elektrofahrrad die Bestellungen im Umkreis. In Essen genügen ein Lieferwagen und ein E-Bike. Der Händler vereinbart mit den Kunden zweistündige Zeitfenster zur Belieferung, meist abends. In Gebieten ohne Ladengeschäft kooperiert "Emmas Enkel" seit knapp einem Jahr mit DHL. Mit der "Feierabendzustellung" von DHL zwischen 18 und 20 Uhr sowie zwischen 20 und 22 Uhr für "Emmas Enkel" werden Kunden vom Ruhrgebiet im Osten bis nach Bonn im Süden versorgt. "Durch die Zustellung in bestimmten Zeitfenstern, stellen wir sicher, dass der Kunde auch angetroffen wird", sagt Brüser.

Denn in der Zustellung liegt wohl die größte logistische Herausforderung, vor allem für leicht verderbliche Tiefkühl- und Frischeprodukte. Dafür haben die Düsseldorfer eigene Kühlboxen entwickelt. "Wir verstehen uns als Nahversorger und brauchen daher keine großen Lagerhallen", unterstreicht Brüser. In Düsseldorf und Essen reichen Lagerräume mit 200 bzw. 400 m2 direkt am Laden. Großhandel und kleinere Hersteller aus der Region liefern täglich. Haben die Firmengründer anfangs noch selbst verkauft und ausgeliefert, erledigen dies heute in Düsseldorf und Essen sechs Mitarbeiter und über 20 Aushilfskräfte. Brüser und Diehl sind in ein Büro in der Nähe der Düsseldorfer Einkaufsmeile Kö umgezogen. Dort arbeiten in der Verwaltung inzwischen fünf Mitarbeiter.

Der Multichannel Zug rollt

Solche Erfolgsgeschichten locken Investoren: Insgesamt drei Partner stehen hinter "Emmas Enkel". Einer von ihnen ist Ex-Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski, heute Finanzinvestor. Supermarktketten wie Rewe, Tengelmann und Edeka sehen Potenzial und sind auf den Multichannel-Zug aufgesprungen. Auch Logistiker erschließen sich neue Welten: Deutsche Post DHL beteiligt sich am Lebensmittel-Onlinedienst Allyouneed.

Am meisten beunruhigt die Branche, dass auch Versandhändler Amazon seine "Lebensmittelabteilung" ausbaut. Der Wettbewerb im Online-Geschäft wird über die Logistik entschieden, wenn sich Preise und Sortimente gleichen, meint Brüser. Er bleibt dennoch gelassen: "Amazon müsste erst mal eine geeignete Logistik aufbauen, um im Lebensmittel-Onlinegeschäft wirklich punkten zu können." (uf/ben)

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