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„Der Paketversand ist viel zu billig“

Frank Rausch muss in den nächsten Jahren Hermes für die Herausforderungen der sich immer schneller entwickelnden Kep-Branche fit machen. (Foto: Patrick Lux)

02. Januar 2015 | von Harald Ehren

Frank Rausch ist ein alter Kämpe. Das Logistikgeschäft betreibt er seit 30 Jahren. Da macht ihm so schnell keiner was vor. Doch auch er muss zugeben: Die Räder der Branche drehen sich immer schneller, die Umwälzungen innerhalb der eigenen Industrie erfolgen in immer kürzeren Abständen. Um dranzubleiben, ist heute - im übertragenen Sinn - Laufschritt nötig.

Diese Herausforderungen sind schon schwierig genug, wenn sonst alles rundläuft. Dass bei Frank Rausch sonst alles rundgelaufen wäre im Jahr 2014, kann man aber nun wirklich nicht behaupten. Mitten in der heißesten Vorbereitungsphase für den größten Umstrukturierungsprozess der jüngeren Geschichte seines Arbeitgebers, der zum Otto-Konzern gehörenden Logistikgruppe Hermes Europe, warf sein Co-CEO Frank Iden die Brocken hin.

Die Hermes Gruppe hatte beschlossen, die Infrastruktur der Paket- und Logistiksparte in Deutschland für die Summe von rund 300 Mio. EUR komplett umzustrukturieren. Die beiden Unternehmen Hermes Logistik Gruppe Deutschland (HLGD) und Hermes Transport Logistics (HTL) wurden im Zuge des großen Restrukturierungsprojekts operativ zusammengelegt. Sie sind als Paket- und Transportsparte die wichtigsten Mitglieder der umfänglichen Hermes-Familie.

Seit Mitte September 2014 ist Frank Rausch alleiniger CEO - und muss nun den Hermes-Jet ohne Co-Piloten fliegen. Wenn einer plötzlich das machen muss, was sich vorher zwei geteilt haben, bedeutet das schlicht Stress. Der 49-Jährige sagt, er übe sich in der Kunst, "kurzfristig den Tag zu verlängern". Der gelernte Logistikkaufmann, der an der Universität Wien Wirtschaft studiert hat, gibt aber auch zu, dass er den neuen, größeren Gestaltungsrahmen genießt. "Ich habe ein Entrepreneur-Gen", sagt er

Genau das wird Rausch auch benötigen bei dem Programm, das er von 2015 an zu bewältigen hat. Denn das Investitionsprojekt sieht vor, bis 2018 das Hermes-Logistiknetzwerk nicht nur zu modernisieren und auszubauen, sondern noch stärker auf den anhaltenden Boom im E-Commerce auszurichten. "Dieses Programm ist ein Wachstumsprojekt", sagt der Hermes-Manager. Denn die Märkte verändern sich. Schnell. Radikal. Umwälzend. Rausch nennt das, womit er sich täglich auseinandersetzen muss, worauf er immer neue Antworten finden muss, "ein hochdynamisches Marktumfeld".

Der "X2C-Markt" - die Zustellung an den privaten Empfänger - sei nach wie vor hochattraktiv. Das Wachstum werde 2015 immerhin 4 Prozent betragen. Zuletzt war die Branche jedoch an Raten von 7 Prozent gewöhnt. Zudem werde der Endkunde mehr und mehr zum Regisseur seiner eigenen Paketzustellung. Beinahe im Monatsrhythmus bringe die Kep-Industrie neue Serviceprodukte auf den Markt. "Die Gesellschaft verändert sich permanent", sagt Rausch. "Wenn immer mehr Menschen arbeiten, treffen unsere Zusteller diese eben auch kaum zu Hause an. Ergo ergeben sich neue Bedürfnisse - beim Kunden wie bei uns."Die Konsequenz lautet für ihn: "Alternative Zustelladressen werden zusammen mit kurzfristigen Umverfügungen und der Zeitfenster-Zustellung die großen Zukunftsthemen." Es tue sich deshalb enorm viel bei den angekündigten Zeitfenstern. Immer passgenauer, immer stundengetriebener, immer serviceorientierter müsse die Zustellung erfolgen. Kurzum, die Kundenanforderung an die Kep-Branche lautet schlicht: Zustellung überall und jederzeit.

Womit wir wieder beim Hermes-Investitionsprojekt wären. Rausch will trotz der veränderten Wachstumserwartungen bei der geplanten Größenordnung bleiben. "Aber wenn wir irgendwo Geld sparen können, werden wir das selbstverständlich tun", sagt der gebürtige Ostwestfale und Wahlhamburger. Geplant ist, Niederlassungen zusammenzulegen und neu zu bauen, um von 2018 an rund 450 Mio. Pakete aus insgesamt 35 modernisierten Logistik-Centern versenden zu können.

"Speed sells"

Wo will Rausch künftig mit dieser neuen Hermes-Struktur hin? Der verhinderte Fußballprofi ("mit 15 wollte ich ins Schalke-Internat") erklärt es so: "Hermes rückt durch die günstigere Lage der Logistik-Center näher an seine vor allem mittelständischen Kunden heran. Es kommt historisch aus einer reinen Zustellorganisation und entwickelt sich zu einem Netzwerk mit sehr vielen End-to-End-Verbindungen zwischen den heute bestehenden und den künftigen Standorten." Diese Nähe hält er für entscheidend. "Wenn ein Grundsatz in unserer Branche höchste Bedeutung gewonnen hat, dann lautet er: Speed sells."

Und das gelte in beide Richtungen. Sowohl zum Endkunden, als auch zum Geschäftskunden. "Das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille", sagt Rausch. "Der Endkunde hat die Erwartung, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit am nächsten Tag seine Ware erhält. Und der Geschäftskunde hat die Erwartungshaltung, möglichst lange produzieren und damit den Markt auch am Nachmittag bedienen zu können, indem die Ware am selben Abend noch in den Versandweg geht."

Rausch sieht noch viele Potenziale in dieser Entwicklung. Allerdings gehört zu seinem Jobprofil auch, die Risiken zu sehen - und damit umzu gehen. Eine dieser Risiken sind die Kosten. Anders formuliert: Wer bezahlt den hohen Anspruch an Flexibilität und Verlässlichkeit der Kep-Services?

Bei dem Thema verfinstert sich die Miene des Hermes-Managers. "Das Thema beschäftigt die ganze Branche", sagt er. "Wir werden die Preise für geschäftliche Auftraggeber 2015 um 3,9 Prozent anheben. Das liegt aber nicht nur am gesetz lichen Mindestlohn, der vom 1. Januar 2015 an flächendeckend von unseren Vertragspartnern auf der letzten Meile gezahlt wird. Vielmehr ist die Dienstleistung Paketversand derzeit einfach viel zu billig. Und im Markt konstatieren wir leider eine mangelnde Bereitschaft, wachsende Serviceansprüche auch angemessen zu bezahlen".

Neben auskömmlichen Preisen ist ein stabiles Netz das Um und Auf der Hermes-Organisation. Das Unter nehmen arbeitet laut Rausch auf der letzten Meile mit rund 360 Generalunternehmern zusammen. "Da müssen wir ein Auge drauf haben", sagt er hemdsärmelig - und meint damit, dass die Partner mitgenommen werden müssen auf die "Hermes-Reise", wie er das Infrastrukturprojekt in dem Zusammenhang nennt. Er will dafür sorgen, dass seine Sub unternehmer alle nötigen Fähigkeiten erhalten, sich auf dem Markt auch betriebswirtschaftlich behaupten zu können. Denn nur wenn das Netzwerk stabil ist, wenn die Partner im Netz an den richtigen Orten mit den richtigen Mengen wachsen, dann wird das gesamte Projekt zu einem erfolgreichen Ganzen wachsen.

"Die Balance des Netzes spielt eine große Rolle", sagt Rausch. "Über intelligente Steuerung müssen Schieflagen verhindert oder ausgeglichen werden. Das ist für mich der entscheidende Hebel, mit dem wir Produktivität und Erträge schaffen können: das Netzwerk in allen Teilen und Regionen möglichst ausgeglichen auszulasten."

Auslastung wird für den Fami lienmenschen auch privat einer der Schlüsselbegriffe des Jahres 2015 werden. Die Kunst des Tage-Verlängerns wird er gewiss noch einige Zeit praktizieren müssen. Rausch muss kurz schmunzeln. Dann sagt er aber ernst: "Das wird wohl in den nächsten Jahren zum Normalzustand."

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