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In Europa dreht sich das Rad zurück

Prime-Now-Kurier auf einem E-Cargo-Bike in Berlin: Amazon hat damit in der Hauptstadt gute Erfahrungen gemacht. Nun will der Onlinehändler auch in München so viele Lieferungen wie möglich mit den Lastenrädern erledigen. (Foto: Amazon)

05. September 2016 | von Manfred Schulze
Zitat

Wir stehen am Beginn einer neuen Entwicklung, bei der unnötiger Verkehr vermieden werden soll.

Jens Poggensee, Vice President Freight Forwarding, UPS Europe

Veranstaltung

Die künftige Versorgung von Städten ist Thema der DVZ-Konferenz „Metropolitan Logistic“ am 8. November 2016 in Berlin. Infos unter

www.dvz.de/metropolitan

In Berlin stellt Amazons Schnelllieferdienst mittlerweile 30 Prozent der Sendungen mit dem Rad zu. Diese Quote hat der Onlinehändler auch am zweiten Prime-Now-Standort München zum Mindestziel erklärt (Ein Drittel der Sendungen kommt per Lastenrad). Amazons Strategie ist ein typisches Beispiel für einen neuen Trend in der Citylogistik: Auf der letzten Meile setzen Lieferanten immer mehr auf kleine Gateways und Märkte, von denen die Kunden im Nahbereich entweder ihre bestellte Ware selbst abholen oder Kuriere mit relativ wendigen Lastenfahrrädern die online bestellten Waren ausliefern – ganz gleich ob Pizza oder ein paar neue Schuhe. Das Fahrrad ist nicht mehr nur trendig für die junge Generation als Autoersatz. Es nimmt eine inzwischen nennenswerte Ergänzungsrolle im kommerziellen Bereich der Citylogistik ein, wenn das klassische Lieferfahrzeug an Grenzen stößt."Jetzt für die Logistik News anmelden"

Jianmin Yu, Top-Manager beim chinesischen Logistikkonzern Sinotrans, hat eine Menge Probleme zu lösen, um immer mehr Güter durch immer häufiger überlastete Straßen in Peking, Shanghai oder Wuhan zu transportieren. Im Reich der Mitte, wo noch vor 20 Jahren Millionen Stadtbewohner mit hoch bepackten Fahrrädern – vom Kohlesack bis hin zum Bettgestell – unterwegs waren, rollte damals fast alles auf zwei Rädern. Inzwischen hat sich in den Metropolen die Einwohnerzahl verdoppelt oder verdreifacht, der Konsum ist stark gewachsen, und das Fahrrad ist kaum noch zu sehen – wohl auch als Folge der Luftverschmutzung. In Peking sind Menschen durchschnittlich rund 68 Mikrogramm pro cbm Feinstaub ausgesetzt. Zum Vergleich: Eine jährliche Durchschnittsbelastung von 10 Mikrogramm pro cbm ist laut Weltgesundheitsorganisation gerade noch unbedenklich.

Auf dem Weltverkehrsforum in Leipzig forderte der chinesische Logistikmanager dennoch mehr Privilegien für Liefer-LKW, deren Einsatz inzwischen auch durch die Bürokratie, zum Beispiel bei den häufigen Smoglagen, drastisch beschränkt und sanktioniert ist. Extraspuren auf den Highways wären eine Möglichkeit, zumindest aber Ausnahmen von den immer häufiger verhängten Fahrverboten oder Einschränkungen. Es gebe heute kaum noch kleine Geschäfte für die Nahbereichsversorgung in den Metropolen, aber große Supermärkte müssten mit großen Fahrzeugen beliefert werden können, beklagt Jianmin Yu den Ist-Zustand im einstigen Fahrradland Nummer eins.

Autos sind out
In Europa wird diese Entwicklung erstaunlicherweise durch die dezentrale Versorgung allmählich umgekehrt. „Wir müssen verschiedene Varianten der Versorgung testen“, sagt zum Beispiel Klaus Bondam und fügt hinzu, dass das Lastenfahrrad mit oder ohne elektrischen Antrieb unbedingt dazugehören sollte. Der Lobbyist des dänischen Radfahrerbunds war früher Technischer Bürgermeister von Kopenhagen, einer Stadt, in der man die Urbanität längst wieder als Genuss entdeckt hat – und deshalb Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren immer weiter reglementiert. So wie sich heute immer mehr Stadtbewohner vom Privat-PKW verabschieden, weil sie auf kurze Wege und das Rad setzen, könne man auch zahlreiche Versorgungswege CO2-neutral organisieren, ist er überzeugt. „Urbaner Lifestyle geht immer mehr weg vom Auto.“"Jetzt für die Logistik News anmelden"

Jens Poggensee, der Freight-Forwarding-Chef bei UPS in Europa, sieht das ähnlich. Die urbane Logistikkette werde oft nur bis zum Ladenregal betrachtet. Doch auch der Endverbraucher sei Teil der Kette und erledigt seine Einkäufe oft noch immer mit dem Auto, womit er ungewollt auch zum Problem der Lieferanten wird, die im Stau stehen. Der UPS-Manager schlägt vor, die Sendungen im Nahbereich der Kunden in Sammelboxen zu deponieren, von wo aus sie zu Fuß oder mit dem Rad die Ware abholen. Ähnlich ließen sich Kunden mit online georderten Lebensmitteln beliefern. Hier könnte man auf geeignete Kühlzellen in Wohn- und Bürohäusern zurückgreifen.

Statt der riesigen Supermärkte am Stadtrand könne damit der Kunde seine Produkte im Umkreis von wenigen 100 m einsammeln – und damit auf das Motorfahrzeug verzichten. Poggensee: „Vor 150 Jahren wurde viel in die Schiene investiert, vor 100 Jahren begann der Ausbau von Straßen. Heute stehen wir am Beginn einer neuen Entwicklung, bei der unnötiger Verkehr vermieden werden soll.“

Natürlich gebe es nicht generell einen Vorteil für den Einsatz von Lastenrädern. Zum Beispiel, wenn es sich um besonders voluminöse oder schwere Waren handelt, sind klassische Fahrzeuge klar im Vorteil, räumt Bondam ein. Und in klimatisch kälteren Regionen muss auch eine Lösung für Tage mit Schnee und Eis gefunden werden – was erheblichen Mehraufwand bedeuten dürfte.

Zurück nach Asien, wo chronisch verstopfte Städte wie Manila ebenfalls das System der „Nanoläden“ als Abholpunkt für zugestellte Sendungen entdeckt haben und ausbauen. „Das wird in China sehr rasch wieder wachsen“, schätzt Jianmin Yu, denn anders lasse sich das urbane System künftig nicht mehr sinnvoll versorgen. Und damit könne auch in Chinas Städten das Fahrrad eine Renaissance erleben. (cs)"Jetzt für die Logistik News anmelden"

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