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Wo Päckchen U-Bahn fahren

Solange Fahrgäste nicht behindert werden, darf Amazon in New York die U-Bahn nutzen, um Päckchen und Pakete zu befördern. (Foto: Getty Images)

26. Oktober 2015 | von Daniela Zimmer
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Eine Innovation allein wird nicht reichen. Es wird in Zukunft eher einen Mix an Lösungen geben, um der Paketflut Herr zu werden.

Frank Rausch, CEO der Hermes Logistik Gruppe

Die Autorin

(Foto: privat)

Daniela Zimmer, Journalistin, München

 

Drohnen, Magnetrohrpost für Pakete oder der vorausschauende Versand (Anticipatory Shipping) – die Gedankenspiele der Logistikkonzerne, wie sie in Zukunft der stetig wachsenden Paketflut in den Städten und auf dem Land Herr werden wollen, kennen aktuell kaum Grenzen. Anders als im Handel sind die Investitionen in logistische Innovationen allerdings nicht die Reaktion auf aktuelle Kundenwünsche.

Während sich Verbraucher ob der Vorstellung, dass demnächst Paketdrohnen in ihrem Vorgarten landen, noch ausgesprochen misstrauisch zeigen, argumentieren die Logistiker, dass sie alternative Modelle brauchen, um beispielsweise Verkehrskollapse in den Innenstädten durch immer mehr Paketfahrzeuge zu vermeiden, durch Umgehung von Staus in den Innenstädten die Lieferzeiten zu beschleunigen, entlegene Regionen wie beispielsweise Inseln rentabler beliefern zu können oder einfach auch die CO2-Bilanzen zu verbessern.

Noch gibt es den E-Commerce-Stau nicht. Etwa 160.000 Ausliefertouren werden heute täglich in die deutschen Innenstädte gefahren, hat die Unternehmensberatung Oliver Wyman ausgerechnet. Doch nur ein Bruchteil der LKW und Transporter, die in zweiter Reihe parken, liefert Pakete von Amazon oder Zalando aus. Hauptsächlich werden Gewerbeflächen in den Innenstädten beliefert. Und in Sachen CO2-Bilanz errechnete die Unternehmensberatung A.T. Kearney, dass der E-Commerce eher zu begrüßen als zu tadeln sei – zumal DHL bereits angekündigt hat, dass der Kohlendioxidausstoß durch den Einsatz von Elektrofahrzeugen bis 2020 gegenüber 2007 um 30 Prozent verringert wird.

In Zukunft allerdings könnte sich das Bild wandeln. Bis 2018 soll Expertenschätzungen zufolge das Paketvolumen jährlich um mindestens 4 Prozent steigen. Gleichzeitig prognostizieren die Vereinten Nationen, dass bis zum Jahr 2050 84 Prozent der Deutschen in Städten leben werden. Für die städtische Infrastruktur bedeutet dies ein ganz anderes Verkehrsaufkommen als früher. Sich heute schon um Alternativen für morgen zu kümmern liegt also auf der Hand.

Alternativen zur verstopften Straße

Ideen, wie die Staus in den Innenstädten zu umgehen sind, gibt es inzwischen einige – mal mehr, mal weniger futuristisch. So schickte beispielsweise Amazon seine Angestellten im Mai dieses Jahres in New York mit großen Einkaufswagen voll Päckchen und Paketen einfach in die U-Bahn, um trotz hohen Verkehrsaufkommens die Zeitgarantie einzuhalten. Die New Yorker Metropolitan Transportation Authority duldet die Maßnahme. Solange andere Fahrgäste nicht maßgeblich behindert oder gefährdet werden, gebe es keine Regeln, die den E-Commerce-Riesen von diesem Transportweg abhielten. Auch zu Fuß oder mit dem Fahrrad sind die Paketzusteller im Auftrag von Amazon unterwegs.

Einen ähnlichen Ansatz geht UPS, um das Problem der in zweiter Reihe parkenden Zustelltransporter zu lösen: Statt jedes Paket einzeln zuzustellen, bringt der LKW-Fahrer in einem Pilotprojekt in Stuttgart oder Hamburg die Pakete an einen zentralen Containerstandort, von wo aus sie dann von anderen Paketboten zu Fuß oder mit dem Fahrrad ausgeliefert werden.

Spektakulärer mutet da schon die Vision einer Paketpipeline in Großbritannien an. In Zusammenarbeit mit DHL und gefördert vom britischen Umweltministerium entwickelt das Cambridger Unternehmen Mole Solutions ein unterirdisches Tunnelsystem, durch das mit Paketen gefüllte Kapseln auf einem Magnetfeld entlangschweben sollen. Erste Pipelines der Paketrohrpost sollen in Northampton installiert werden. Ist das Pilotprojekt erfolgreich, könnte schon in wenigen Jahren ein landesweites unterirdisches Rohrsystem ganz Großbritannien durchziehen. Auch China und Indien sollen schon Interesse bekundet haben, so Mole Solutions.

Nahezu alle Logistiker und auch der Internetriese Google arbeiten inzwischen an der Luftzustellung per Drohne. Was Anfang Dezember 2013 noch als aufmerksamkeitsstarker PR-Gag von Amazon-Gründer Jeff Bezos zum Auftakt des Weihnachtsgeschäfts belächelt wurde, scheint in ein paar Jahren kaum noch aufzuhalten sein. So schickte DHL in einem Pilotprojekt bereits Medikamente per Paketdrohne auf die Nordseeinsel Juist.

DPD hat zusammen mit dem Projektpartner Atechsys ein spezielles Lieferterminal entwickelt, um die Sicherheit bei Start und Landung, Wartung sowie Be- und Entladung von Paketen zu erhöhen. Und auch die französische Tochter La Poste und der finnische Postdienstleister Posti Group wollen mit Drohnen Pakete in schwer zu erreichende Gebiete liefern. Noch steht der Gesetzgeber dem kommerziellen Einsatz von Paketdrohnen entgegen. Doch der E-Commerce-Riese Amazon betreibt bereits mächtig Lobbyarbeit bei der US-Regierung und hat gegen alle Erwartungen zumindest durchgesetzt, mit sogenannten Octocoptern über ländlichem Gebiet im Bundesstaat Washington experimentieren zu dürfen. Jeff Bezos ist davon überzeugt, dass Drohnen künftig Pakete per Luftpost zustellen werden.

Lösungen für bessere Zustellraten

Logistiker können ihr Verkehrsaufkommen aber auch erheblich reduzieren und damit rentabler und effizienter agieren, wenn der Postmann nur einmal klingeln muss, um sein Paket loszuwerden. Auch hier gibt es Dutzende von Ansätzen: So testet Amazon zusammen mit DHL und dem PKW-Hersteller Audi die Zustellung in Kofferräume. DHL, aber auch Hermes, GLS und DPD wollen Paketkästen vor Miet- und Einfamilienhäusern implementieren, um ihre Lieferungen gleich zustellen zu können. In Ostdeutschland, wo es kaum Läden gibt, die als Paketshops fungieren, baut Hermes einen Conciergeservice auf. Ein Bewohner wird zur Paketannahmestelle für die Nachbarschaft und verdient sich damit ein Zubrot.

So richtig futuristisch allerdings wird Logistik, wenn man sich einen der neuesten Patentanträge von Amazon ansieht. Bei Anticipatory Shipping werden Waren ohne konkrete Bestellung auf einen LKW geladen und als fahrendes Lager in die Region gestellt, in der diese Waren vermutlich bald bestellt werden. Per Big Data soll es dann möglich sein, Kunden Produkte zu bringen, bevor sie sie bestellt haben.

Doch egal ob Drohne, Paketrohrpost, Kofferraumbelieferung oder Anticipatory Shipping: Die Hindernisse für die meisten dieser Technologien sind oft größer als ihr Nutzen. Vieles ist noch Grundlagenforschung. Die dafür nötigen Investitionen können nur die ganz großen Player leisten. Der Rest der Branche beschäftigt sich mit profaneren Innovationen: Lieferfenster genauer angeben, Paketlaster besser auslasten, Zustellraten verbessern. Frank Rausch, CEO der Hermes Logistik Gruppe, prognostiziert: „Eine Innovation allein wird nicht reichen. Es wird in Zukunft eher einen Mix an Lösungen geben, um der Paketflut Herr zu werden.“

 

 

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